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THEMA: Bildung und Schulen
27.08.2008
Frage von Name des Fragestellers Name des Fragestellers
Sg. Frau Mag. Bors,

als Pädagogikstudentin würde ich gerne wissen, wie Sie als Fachfrau aus der Praxis über die "(Neue) Mittelschule" denken.

Ab welchem Alter sollte - wenn überhaupt - eine Differenzierung zwischen Schulformen/Klassenzügen etc. vorgenommen werden?

Wer sollte über die Aufnahme von SchülerInnen entscheiden und nach welchen individuellen und sozialen Kriterien (Homogenität, Integration...)?

Welche Unterschiede bestehen Ihrer Meinung nach zwischen ländlichen und urbanen Schulen?
Insbesondere würden mich dazu Ihre eigenen Erfahrungen interessieren.

Vielen Dank für Ihre Antwort
01.09.2008
Antwort von Johanna Bors

Johanna Bors
Sehr geehrte Frau Vorname des Fragestellers!

Vielen Dank für Ihre Anfrage. Es ist so wichtig und positiv, dass Sie als Pädagogikstudentin nicht nur das Vorgegebene akzeptieren und lernen (und hoffentlich kritisch hinterfragen), sondern sich Gedanken über zukünftige Unterrichts- und Schulformen machen!

Die frühe Trennung in Hauptschule und Gymnasium bewirkt, dass in Österreich nicht die tatsächlichen Begabungen und schulischen Leistungen, sondern Einkommen und Bildungsstand der Eltern über den Bildungsweg der Kinder entscheiden. Kinder aus einem sozial höher gestellten Umfeld wechseln viel eher in ein Gymnasium als Kinder aus sozial benachteiligten Familien.

Dies wurde unter anderem durch die PISA-Studie belegt. Die frühzeitige Trennung in Haupt- und Volksschule verstärkt nicht nur soziale, sondern auch lokale Unterschiede. In städtischen Gebieten gibt es ein großes Angebot an weiterführenden Schulen (Gymnasien und Hauptschulen), während in ländlichen Gebieten fast ausschließlich Hauptschulen vorhanden sind. Aus diesem Grund sind Kinder aus ländlichen Gebieten bei der Wahl einer weiterführenden Schule benachteiligt.

Eine Studie des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung zeigt, dass Kinder von Wenig- und Mittelverdienern in Österreich keineswegs die gleichen Bildungschancen wie Kinder von Besserverdienern haben. Dies liegt nicht an den Leistungen der Kinder in der Schule. Im Schnitt hat ein Drittel (31,5%) der Kinder in der Hauptschule AHS-Reife, in der ersten Klasse Hauptschule sogar fast zwei Fünftel (37%).

Trotz des stark differenzierten Schulsystems gelingt es nicht homogene Lerngruppen zu bilden, da die Leistungsprognose bei 9 1/2 Jährigen eher dem Zufallsprinzip bzw. sozialen Kriterien entspricht. Der Ansatz widerspricht auch der individuellen Begabungsförderung, der in keiner der Schulformen systematisch vorgesehen ist.

Statt der frühzeitigen Trennung in Hauptschule und AHS-Unterstufe fordern die Grünen eine Gemeinsame Schule der 6 bis 15jährigen SchülerInnen. Diese Schule zielt auf die individuelle Förderung der Kinder. Ermöglicht wird diese durch Formen der inneren Differenzierung. Darunter ist nicht die Einrichtung von Leistungsgruppen zu verstehen, sondern sie zeichnet sich viel mehr durch ein hohes Maß an individuellen Fördermöglichkeiten aus, von denen die "Schwächeren" und "Stärkeren" gleichzeitig profitieren. Diese individuelle Förderung braucht natürlich Ressourcen. Wir fordern daher 10% zusätzliche StützlehrerInnen an allen Schulen. Dadurch ist auch klar, dass es keiner "Aufnahmeprüfungen" bedarf.

In der gemeinsamen Schule werden die individuellen Begabungen, Interessen und Stärken gefördert. Auf dieser Grundlage können SchülerInnen besser auf die Wahl ihres Ausbildungsweges vorbereitet werden. Wir sind überzeugt, so mehr Jugendliche zu höheren Bildungsabschlüssen zu bringen, die Zahl derer, die ein Schuljahr wiederholen müssen, zu reduzieren und weniger SchulabbrecherInnen zu haben. Und die Freude, Kreativität und Neugierde der SchülerInnen zu erhalten und nicht zu dämpfen, wie ich es oft erlebe: In unseren derzeitigen Schulen werden Kinder spätestens mit 10 Jahren mit Antworten auf nicht gestellte Fragen zugedeckt. Aus der Hirnforschung wissen wir ja, dass Druck und "Stress" jedes Lernen blockieren.

Ich wünsche mir Schulen, in die die Kinder und Jugendlichen so gerne gehen, dass nicht eine große Erleichterung durch die ganze Familie geht, sobald das Thema "Schule" endlich abgeschlossen ist. Und in denen das Lehren ein Leben lang Erfüllung bringt.

Ich wünsche Ihnen für Ihre eigene Zukunft eine Schule, die Ihnen jeden Tag Freude und Wertschätzung entgegenbringt.

herzliche Grüße .... :-Johanna Bors
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